Crailsheimer Stimmen zu Guillotinen-Fund in Münchner Archiv

In München ist die Guillotine wieder aufgetaucht, unter der Hans und Sophie Scholl starben. Jetzt wird diskutiert: ausstellen oder nicht? Crailsheims Stadtarchivar Folker Förtsch wittert "Sensationslust".
SEBASTIAN UNBEHAUEN | 31.01.2014

Ikonen des deutschen Widerstands - 1943 hingemordet unter dem Fallbeil (von links): Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst.
Ikonen des deutschen Widerstands - 1943 hingemordet unter dem Fallbeil (von links): Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst.

Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen NS-kritischer Flugblätter an der Münchner Universität ertappt. Nur vier Tage später vollstreckte Scharfrichter Johann Reichhart in München-Stadelheim das Todesurteil. Zwei junge Leben, die wenige Jahre zuvor in Crailsheim beziehungsweise Forchtenberg ihren Anfang genommen hatten, wurden per Fallbeil ausgelöscht. Man will es sich nicht vorstellen. Aber will man das Mordwerkzeug ausstellen?
Um diese Frage kreist die Debatte, seit Sybe Wartena, Referent für Volkskunde am Bayerischen Nationalmuseum, die vergessene Guillotine im Archiv des Hauses wiederentdeckt hat. Kritiker befürchten eine "Gruselshow" und die Bedienung "niederer Instinkte". Der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spänle plant die Einrichtung eines runden Tisches zum Thema.
Die Bezüge der Weißen Rose zu Crailsheim sind eng (siehe Info unten), die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Widerstandsgruppe gehört mittlerweile zum festen Identitäts-Tafelsilber der Stadt. Und so lässt die Diskussion auch hiesige Menschen nicht kalt.

Der Schreibtisch Robert Scholls steht heute wieder in Ingersheim - samt einer Schreibmaschine des Typs »Remington Portable 1928«. Eine solche besaß auch der Vater von Hans und Sophie. Historische Gegenstände können Zugang zur Vergangenheit sein. In Sachen Guillotine aber sind die Crailsheimer skeptisch. Foto: Sebastian Unbehauen
Der Schreibtisch Robert Scholls steht heute wieder in Ingersheim - samt einer Schreibmaschine des Typs »Remington Portable 1928«. Eine solche besaß auch der Vater von Hans und Sophie. Historische Gegenstände können Zugang zur Vergangenheit sein. In Sachen Guillotine aber sind die Crailsheimer skeptisch. Foto: Sebastian Unbehauen

Angemessener Umgang mit dem Fallbeil
Der Crailsheimer Arbeitskreis Weiße Rose schreibt in einer Stellungnahme, die dem HT vorliegt: "Zwar hat das Fehlen von Herrn Reichharts Guillotine die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Widerstand nicht beeinträchtigt. Da das Fallbeil nun aber wieder aufgetaucht ist, kann man es nicht einfach aus der Welt schaffen, sondern muss einen angemessenen Umgang damit finden." Gänzlich unangemessen wäre demnach ein "Angaffen mit einem wollüstigen Schaudern". Und auch eine museale Präsentation hält der Arbeitskreis für problematisch. Stattdessen machen die Vertreter des Vereins folgenden Vorschlag: "Ein geeigneter und zudem authentischer Ausstellungsort könnte die JVA Stadelheim sein." Dort sei eine Voranmeldung erforderlich, Gaffer würden so ferngehalten. Auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin sei ein denkbarer Rahmen, heißt es in der Erklärung.

"Was man bis jetzt weiß, ist schrecklich genug"
Stadtarchivar Folker Förtsch ist noch skeptischer: "Ich bin nicht sehr angetan von der Vorstellung, das Fallbeil zu sehen." Er halte eine Ausstellung für makaber und - vor allem - "nicht für weiterführend". Er wittert "Sensationslust". Ausstellungsstücke müssten nicht immer schrecklicher werden, um die Brutalität des NS-Regimes zu erfassen. "Was man bis jetzt weiß, ist schlimm und schrecklich genug", betont Förtsch. "Es wäre sinnvoller, sich weiter mit der Geschichte der Weißen Rose zu befassen. Da gibt es noch genug zu erforschen."
Dass freilich etwas authentisch Gegenständliches eine besondere Qualität haben und Zugang zur Geschichte bieten kann, das bestreitet Förtsch nicht. Ein Beispiel ist das Scholl-Grimminger-Forum in Ingersheim - hier sind Möbel der Scholls und Eugen Grimmingers in einem Raum versammelt. Hannes Hartleitner sitzt am Tisch, an dem einst wohl auch Robert, Hans und Sophie Scholl saßen. Für ihn sind die Möbel Möbel, nichts Sakrales, nichts Unantastbares, aber eben: "Ein Anstoß, sich mit der Geschichte zu befassen." Er selbst tut es seit vielen Jahren.
Die Guillotine aber würde er noch lange im Archiv lassen. "Das ist eigentlich noch ein Gegenstand der Gegenwart", sagt er - viel zu nah. Und er hat ein weiteres Problem damit: Menschen wie Robert Scholl und Eugen Grimminger kommen aus seiner Sicht bei der Beschäftigung mit der Weißen Rose viel zu kurz. "Die Geschichte wird immer vom Ende her erzählt", beklagt er. "Dabei gibt es so viel zu erfahren, was über die Sekunde des Todes hinausgeht."

Zwei Mitglieder der Weißen Rose sind in Crailsheim geboren: Hans Scholl (1918) und Eugen Grimminger (1892). Während Scholl zu einer Ikone des Widerstands wurde, ist Grimmingers Rolle als Unterstützer der Gruppe in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt.
Die Annäherung an die Weiße Rose in der Stadt ist vielfältig: Vom Tag der Weißen Rose über die Ausstellungsvitrine im Rathaus, die Tafel an Scholls Geburtshaus und das Scholl-Grimminger-Forum, bis hin zur Straßen- und Schulbenennung.

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Hohenloher Tagblatts)

 

Zum Umgang mit der wiedergefundenen Guillotine in München


Zwar hat das Fehlen von Herrn Reinhardts Guillotine die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Widerstand nicht beeinträchtigt. Da das Fallbeil nun aber wieder aufgetaucht ist, kann man es nicht einfach aus der Welt schaffen, sondern muss einen angemessenen Umgang damit finden.

Ein unangemessener Umgang wäre das Angaffen mit einem wollüstigen Schaudern.

Die Guillotine muss deshalb in einen thematischen Rahmen eingefügt werden, der zur inhaltlichen Auseinandersetzung herausfordert und den Horizont erweitert. Als Themen bieten sich natürlich in erster Linie NS und Widerstand an; vielleicht auch eingeengt auf die Stadt München. Ein solcher Rahmen existiert in München bislang nicht. Die Stadt und der Freistaat Bayern können folglich die Wiederauffindung als eine Herausforderung verstehen, sich darum zu kümmern.

Problematisch wäre eine museale Präsentation dieses Mordinstruments. Ein geeigneter und zudem authentischer Aufstellungsort könnte die JVA Stadelheim sein. Der mörderische Charakter des NS-Regimes wird dort schon jetzt anhand der seinerzeit aufgestellten Liste der Hinrichtungen deutlich, die zeigt, dass am 22. Februar 1943 nicht nur Christoph Probst und die Geschwister Scholl ums Leben gebracht wurden, sondern eine ganze Reihe weiterer Menschen.

Gaffer würden schon allein durch den Umstand ferngehalten, dass dort eine Voranmeldung erforderlich ist.

Sollten sich die Stadt München und der Freistaat Bayern dabei überfordert sehen, wäre auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin ein denkbarer Rahmen.


 

 

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